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7 Früher sterben mit Neuroleptika? – Medikamente auf den Prüfstand!

Dienstag, 27. Januar 2009

Daran nehmen wir Anstoß:
Klar, soziale Psychiatrie ist ohne Neuroleptika nicht möglich, jedenfalls nicht, wenn es um Schwerstkranke im Bereich von Psychosen geht. Allerdings: Die in der psychiatrischen Versorgung übliche Psychosenbehandlung führt nicht selten zu schweren Neben- wirkungen bis hin zu erhöhter Sterblichkeit. Die große Zahl der hierzu vorliegenden Studien zeigt in der Fachöffentlichkeit erstaunlich wenig Wirkung. Zu massiv prägt die Pharmaindustrie mit ihrer oft verharmlosenden Werbung die Behandlungsentscheidung. Auch die vielerorts anzutreffende Verordnungspraxis sowohl der niedergelassenen als auch der im stationären Bereich tätigen Ärzte ignoriert internationale Forschungsergeb- nisse bezüglich des Risikos erhöhter Mortalität. Dies ist aus Sicht der DGSP ein Skandal.

Hintergrund:
Neuroleptika sind Medikamente, die richtig eingesetzt im Rahmen eines psychothera- peutisch orientierten, lebensweltbezogenen ganzheitlichen Behandlungsprogramms für viele Patienten die Gesundungschancen verbessern, für nicht wenige auch die Rückfall- gefahr deutlich vermindern. Ihr Einsatz erfordert eine sorgfältige Information über Wirkungen, Neben- und Folgewirkungen und die kontinuierliche Abstimmung mit dem Patienten. Dieser selbstverständlichen Anforderung an eine soziale Psychiatrie wird die gegenwärtig in Deutschland übliche Behandlung mit Neuroleptika ganz überwiegend nicht gerecht.

Beispiel:
■ Bei einer akuten Erkrankung werden Neuroleptika zumeist sofort und zu hoch dosiert eingesetzt, wogegen eine milieutherapeutische Behandlung, eventuell ergänzt durch weniger eingreifende beruhigende Mittel, in vielen Fällen den Einsatz von Neuroleptika vermeiden könnte.
■ Auch in der Langzeitbehandlung fehlt häufig die notwendige psycho- und sozio- therapeutische Begleitung, wogegen die Neuroleptika oft überdosiert und ohne Überprüfung der Indikation eingesetzt werden, zum Teil mit erheblich beeinträchtigenden
Neben- und gefährlichen Folgewirkungen, vor allem bei Behandlung mit gleichzeitig mehreren Psychopharmaka. Die Nebenwirkungen sind oft Ursache dafür, dass Patienten die Medikamente absetzen, was wiederum mit einem höheren Rückfallrisiko verbunden
ist.
■ Neuere internationale Studien belegen, dass bei lang dauernder, hoher oder Mehr- fachdosierung ein beträchtlich erhöhtes Sterblichkeitsrisiko (im Vergleich zur Nichtbehandlung) besteht.
■ Die industrieabhängige Pharmaforschung wird den klinischen Erfordernissen der Versorgungspsychiatrie nicht gerecht. Eine unabhängige Forschung ist (auch) in Deutschland quasi nicht existent.
■ Auch in der Kinder-, Jugend- und Gerontopsychiatrie werden Psychopharmaka oft unkritisch angewandt. So ist die Verordnung von Ritalin in den letzten Jahren extrem angestiegen. Zur „Ruhigstellung“ bekommen vor allem Menschen in Altenheimen von
Haus- und Nervenärzten Kombinationen verschiedener Neuroleptika und Sedativa plus Antidepressiva plus Antidementiva.
■ Eine kritische Reflexion in Fachkreisen und Fachgesellschaften fehlt fast vollständig, und die notwendigen Konsequenzen in der Praxis bleiben aus.

Die DGSP fordert:
■ Die DGSP fordert die Einrichtung, den Ausbau und die geregelte Finanzierung geeigneter biopsychosozialer Behandlungsformen, die die Anwendung von Neuroleptika auf das mindestmögliche Maß reduzieren lassen. Hierzu gehören insbesondere psycho- therapeutisch ausgerichtete Angebote wie Soteria-ähnliche Behandlungsformen sowie an das finnische Vorbild angelehnte Modelle der „bedürfnisangepassten Behandlung“ (Need-adapted Treatment).
■ Darüber hinaus fordert die DGSP einen vorsichtigeren und kritisch-reflektierten Einsatz von Neuroleptika in der täglichen Praxis: Ärzte, aber auch andere in der Psychiatrie tätige Berufsgruppen müssen ihren Blick durch pharmakritische und industrieunabhängige
Fortbildungen schärfen und die Erkenntnisse neuerer Studien bei der Verordnung berücksichtigen. Sie sollten, wo immer angezeigt, in gemeinsamer Verantwortung Hilfe- stellung bei der Reduktion bzw. gegebenenfalls beim Absetzen von Psychopharmaka geben können und Patienten in diesem langwierigen Prozess begleiten. Das Konzept „Verhandeln statt behandeln“ sowie die Kooperation aller Berufsgruppen in der
Versorgung muss im Mittelpunkt jeglicher Behandlung stehen.
■ Die DGSP fordert und unterstützt außerdem eine von der Pharmaindustrie unabhängige Forschung als Voraussetzung für das Erkennen und Bekanntwerden der tatsächlichen Risiken. Wir alle sind in der Verantwortung und müssen nach Alternativen suchen!

Die DGSP ist aktiv:
■ Die DGSP nimmt die zahlreichen Beschwerden von Patienten und Angehörigen über gravierende Folgewirkungen und die Forschungsberichte über Todesfolgen sehr ernst. Die DGSP hat sich zum Ziel gesetzt, Aufklärungsarbeit rund um das Thema Psycho- pharmakabehandlung zu initiieren und zu fördern. Dies geschieht durch Veröffent- lichungen, Fortbildungen, Erhebungen und öffentliche Debatten.
■ DGSP-Landesverbände und der DGSP-Bundesverband führen Tagungen und Diskussionsveranstaltungen durch, die auf großes Interesse stoßen.
■ Die Einbeziehung anderer Fachverbände, insbesondere des Bundesverbandes
Psychiatrie-Erfahrener und des Bundesverbandes der Angehörigen, sowie der Krankenkassen ist uns selbstverständlich. Dabei sind konträre Positionen und eine fachliche Auseinandersetzung erwünscht. Ziel ist nicht die „Verteufelung“ von Neuroleptika, sondern ein problembewusster Umgang damit. Sie haben ihren Platz in einer integrierten Behandlung und Rehabilitation, die in psychotherapeutisch orientierter Begleitung die Einbeziehung des Umfelds und die Teilhabe in allen Lebensbereichen ermöglichen.

TUWAS – mit der DGSP:
Die DGSP braucht die Unterstützung und Mitarbeit von unabhängigen Ärzten und anderen Kollegen, die kritisch sind gegenüber der Werbung der Pharmaindustrie. Wir suchen Erfahrungsberichte aus allen psychiatrischen Berufsgruppen sowie von Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen, von Patientenbeauftragten und Mitarbeitern
aus dem Beschwerdebereich. Ein DGSP-Fachausschuss soll die fachliche Auseinander- setzung vorantreiben. Wenn Sie Interesse haben, einen solchen Ausschuss mitzu- gründen und darin mitzuarbeiten, sind Sie herzlich willkommen!

Hinweis: Veröffentlichungen zum Thema „Mortalität durch Neuroleptika“ und
eine Debatte dazu finden Sie in der DGSP-Verbandszeitschrift „Soziale Psychiatrie“.
Hier ist insbesondere die umfangreiche Recherche von Dr. Volkmar Aderhold
zu nennen, der für seinen Beitrag zahlreiche Studien ausgewertet hat und
auch Alternativen zur gängigen Medikamentenbehandlung benennt („Mortalität
durch Neuroleptika“, siehe „Soziale Pychiatrie“ 4/2007 und Nachfolgehefte).
Eine ausführliche Literaturliste sowie weitere Informationen erhalten Sie in der
DGSP-Geschäftsstelle. Außerdem empfehlen wir zum Weiterlesen die Internetseiten
www.psychiatrie.de/dgsp und www.bgsp.de

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